Wir sputen uns!

Zum ersten Mal trugen wir unser neues Schullogo auf den Hoodies, als wir recht früh in Richtung Treblinka aufgebrochen sind. Am Abend vorher hatten wir noch die Psalmen geübt und nun waren wir auf dem Weg zum „real thing“. Jetzt wurde aus dem Reden über die Zeremonie und ihre Wichtigkeit eine Tat. Die Stimmung war gespannt geladen. Jeder hing seinen Gedanken nach und draußen zog die flache Landschaft vorbei. Kleine Wolken an einem weiten blauen Himmel. So wie letztes Jahr hatten wir auch dieses Mal etwas, was man leicht angestaubt ein „heiteres Wetter“ nennen könnte.

Punkt zehn sprangen wir aus dem Auto (die Sache mit dem rechtzeitigen Erscheinen zur Fahrt üben wir weiterhin) und wurden von Ewa und Pawel von der Stiftung mit einer Großpackung Schokowaffeln erwartet. Eine Busladung Besucher zog an uns vorbei; sie hatten eine Erklärtour gebucht und gehörten nicht zur Zeremonie. Wir hatten kurzeitig ewas Angst, vor sechzig Menschen sprechen zu müssen.

Dieses Jahr waren es weniger Menschen, die an der Zeremonie teilnahmen und Pawel sprach eine kleine Gruppe Besucher an, ob sie spontan mit an der Zeremonie teilnehmen möchten. Den holprig verlegten Weg zum Denkmal gingen wir gemeinsam. Wir wussten, dass im Anschluss an die Zeremonie noch die Erst-Entdeckung des Audioguides auf Deutsch anstand. Deshalb ließen wir die einzelnen Wegpunkte unkommentiert auf uns wirken.

Die Zeremonie hat jeder für sich selbst erlebt und ich lasse Platz für die Eindrücke derjenigen aus der Gruppe, die dazu später etwas schreiben möchten. Es entstand, wie beim letzten Mal, die Verschränkung der Gruppen durch die Gebete; der Rhythmus glich sich bei jedem Mal mehr an. Wir sprachen das Gedicht von Halina Birenbaum und lasen die Namen der Mitarbeiter des Waisenhauses und einige Worte zu ihrer Geschichte.

Nachdem Herr Sponfeldner einige Worte zu unserer Gruppe und unserem Hiersein gesprochen hatte, ergriff – sichtlich bewegt – eine Frau aus der kleinen Gruppe, die uns spontan begleitet hatte, das Wort:

Sie komme aus Israel und besuche zum ersten Mal die Gedenkstätte. Ihr Großvater konnte noch 1944 nach Paris flüchten, musste aber alle Mitglieder seiner Familie zurücklassen. Mindestens zwei davon kamen in Treblinka ums Leben. Sie wollte dies mit uns teilen und bedankte sich für die Möglichkeit, an der Zeremonie teilzunehmen.

Wir gingen zurück zum Bus, um von dort aus mit dem Ausprobieren des Audioguides zu beginnen. Es war sehr berührend: Für diejenigen, die die Geschichte des Ortes zum ersten Mal hörten, als von den Obszönitäten berichtet wurde, die an diesem friedfertigen Ort begangen worden waren. Und für jene, die die Stimmen derjenigen wiedererkannten, die letztes Jahr an dieser Stelle gestanden haben und deren Arbeit jetzt an für die künftigen Besucher der Gedenkstätte zu hören sein wird.

Herr Große und Jonas gingen noch auf Entdeckungstour zum Korczakwald und kamen mit Bildern und einer neuen Idee für das nächste Jahr wieder.

Die Innenstadt überraschte uns mit dem Warschaumarathon, einer Demo von Menschen, die sich zu kurz gekommen fühlten und dem Wochenendtrubel der Hauptstadt. Sieben Minuten für siebenhundert Meter? Es wollte trotzdem niemand zu Fuß gehen.

Für den Abend suchen wir uns noch ein Restaurant, wo wir vielleicht die Eindrücke der letzten Tage gemeinsam besprechen und ordnen können. Wenigstens über den heutigen Tag möchten wir sprechen.

Morgen ganz früh brechen wir auf und versuchen, gegen 17 Uhr wieder in Halle zu sein.

In den kommenden Tagen ordnen wir unsere Gedanken, die Fotos und Videos und stellen noch eine Nachlese in den Blog.

3 Gedanken zu „Wir sputen uns!“

  1. Ein besonderer Tag mit besonderen Menschen!
    Schon beim Lesen bekommt man ein Fünkchen der Gänsehaut mit! Wie muss es erst sein, live dabei zu sein?
    Die Berichte geben Anlass zum Mitdenken, Mitfühlen, aber auch zum gemeinsamen „Stolz sein“ auf diejenigen, die außergewöhnliche Tage erleben!
    Danke!

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  2. Da hat die kleine Delegation wieder einmal viel erlebt, spontane Begegnungen gehabt und eine Menge Eindrücke gesammelt. Und natürlich auch ein fremdes Land mit einer anderen Sprache kennen gelernt. Die vielen Eindrücke gilt es jetzt zu besprechen und auszuwerten. Kommt alle gut zurück!
    G. Lehmann

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  3. Ich kann mir gut vorstellen, dass das ein sehr bewegender Moment war an der Gedenkstätte. Wenn es schon auf die Ferne eine Gänsehaut gibt, muss das vor Ort wirklich etwas ganz Besonderes sein. Da das jeder anders erlebt, freue ich mich schon auf die verschiedenen Stimmen.

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