Das Korczakianum

Unser Tag hat sich gelohnt. Wir waren bei schönstem Herbstwetter unterwegs und besuchten das Korczakianum. Es ist sowohl Forschungsstelle zum Werk Janusz Korczaks als auch Außenstelle des Historischen Museums Warschau. Seit der Coronapandemie ist der Museumsteil nur noch als gebuchte Veranstaltung möglich; spontane Besuche nicht mehr möglich.

Wir haben uns deshalb mit Frau Cielsielska, der Kuratorin des Museums und international hochgeschätzte Korczakforscherin, in Verbindung gesetzt und vorab um einen Termin gebeten.

Das Korczakianum ist das ehemalige Waisenhaus und wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut. Als Gebäude außerhalb des Ghettos hatte es die Zeit ohne größere Schäden überstanden. Lediglich das Dach war eingestürzt und das Arbeitszimmer Korczaks im Dachgeschoss konnte bei der Renovierung nicht wieder aufgebaut werden.

Das Gebäude kam uns – im Vergleich zu den Bildern, die wir gesehen hatten, klein vor; über einhundert Kinder lebten hier dauerhaft?

Anstelle einer Führung durch die Ausstellung fanden wir uns im Arbeitszimmer von Frau Cielsielska wieder. Umgeben von den Werken Korczaks in verschiedenen Sprachen, ließ sie uns nicht einmal Zeit, uns vorzustellen. Sofort war sie mit einer Begeisterung bei der Pädagogik Korczaks, seiner Geduld, seinem Glauben, der ohne Gott auskommt, weil er den Menschen zugewandt ist. Seinen Experimenten mit dem Kindergericht, der Selbstverwaltung (über einhundert Kinder für eine Handvoll Erwachsene). Seinen Mut, zu scheitern. Sein Langmut, wenn er trotzdem Dinge ausprobieren wollte. Die wichtige Rolle von Stéfa Wylczinska (endlich gibt es auch ein Buch über sie!)

Sie war so lebendig und dabei klar in ihren Meinungen: Korczak, der sich retten konnte? Höchstens eine vage Möglichkeit, dass ihm hätte geholfen werden können.

Wer hatte denn wirklich eine Wahl am Umschlagplatz? Niemand! All die anderen Mitarbeiter, nicht nur die aus dem Waisenhaus Korczaks: Alle haben sie die Kinder begleitet. Und nur Korczak wird als heroisch genannt. Für sie ist das Waisenhaus – das Korczakianum – ein Haus des Lebens. Nicht ein Haus des Todes.

Wichtiger als die letzte und logische Tat Korczaks ist ihr seine Pädagogik, sein Humanismus: Ich kann dir aufschreiben, was ich getan habe. Aber ich gebe dir keine Rezepte, wie du handeln sollst. Lies meine Bücher, lege sie beiseite und probiere es selbst.

Sein Buch „Wie man ein Kind lieben soll“? Zum größten Teil geschrieben mitten im Krieg neben seinem Dienst im Lazarett bei Kiew.

Gern übernehmen wir von ihr das Adjektiv „korczakig“ für alle Aktionen und Experimente, die allein darauf vertrauen, das das Unmögliche machbar sei. Wenn man nur genügend Geduld und Vertrauen besitzt.

Ich kann mir keine bessere Anwältin für die Sache Korczaks vorstellen als Marta Cielsielska.

Danach waren wir auf dem jüdischen Friedhof, der auf eine angenehme Art verwildert ist; mit vielen Bäumen und kleinen Wegen. Anschließend hatten wir uns eine Pause verdient: Die Stadt, das Programm und die Gruppe verlangen uns viel ab und die Müdigkeit nimmt zu.

Beim Piroggenworkshop haben wir gelernt, wie man die Teiglinge auf viele verschiedene Art faltet und schließt. Meine Hand für mein Produkt: Die anschließende Verkostung war Ehrensache und Abendbrot. Es hat geschmeckt und die Piroggendiplome nehmen wir gerne mit nach Hause.

Im Hotel haben wir die Hoodies für die Zeremonie verteilt und die Gebete und das Gedicht geübt. Aber bitte im Stehen! Wir werden auch morgen nicht sitzen. Wenn die Generalprobe schiefgehen muss, damit die Premiere stimmt, haben wir für morgen nichts zu fürchten.

3 Gedanken zu „Das Korczakianum“

  1. Ich bin beeindruckt von dem, was ihr auf die Beine gestellt habt. Wenn ihr euch ein Stück von der Neugier und Offenheit bewahrt, die zu diesem Projekt führten, kann im Leben immer wieder spannendes auf euch warten 🙂

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  2. Das klingt nach einem anstrengenden und spannenden Tag zugleich. Eure Piroggis sehen großartig aus.
    Viele Grüße aus Halle

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