Zwei Jahre Überleben auf drei Quadratkilometern

Unsere kleine Reisegruppe hat sich vor der Fahrt zusammengesetzt und über die kommenden Dinge gesprochen. Da wir dieses Mal einen ganzen Tag mehr Zeit haben, wollten wir uns auf die Spuren des Warschauer Ghettos begeben.

Das ist heute, achtzig Jahre später, gar nicht mehr so einfach. Dort, wo 1942 noch schätzungsweise 400000 Menschen auf engstem Raum lebten und seit 1940 auch die Waisenkinder und Korczak, stehen heute Hochhäuser, Parks und Wohngebäude. Die Häuser wurden nach dem Ghettoaufstand und dem Warschauer Aufstand von den Deutschen dem Erdboden gleich gemacht.

Einzig ein kleines Stück Mauer steht noch zwischen Wohnblöcken. Nicht gerade viel, wenn man sich eine Fläche vorstellen möchte. Einen Mauerweg, den man an seiner Innenseite ablaufen könnte, wie einst die Bewohner des Ghettos.

Wir haben deshalb versucht, uns der Frage anders zu nähern: Was ist eigentlich ein Ghetto? Welche Bilder verbinden wir damit?

Ein schmuddliger Ort – ungepflegt, vernachlässigt. So hat der Begriff in der Alltagssprache überlebt: Als Sammelbegriff für die Hochhaus- und Schlafstädte, wo nichts mehr passiert. Jedenfalls nichts Gutes. Und die trotzdem eine Identifizierung erlauben: Da komm ich her, das ist meine „Hood“: Neustadt, Südstadt, Silberhöhe. So für Halle. Für andere Städte sind es andere Namen.

Nach einem kurzen Film der Bundeszentrale für politische Bildung hat sich dieses Bild bald verflüchtigt. Die Deutschen selbst machten im Warschauer Ghetto Filmaufnahmen, von denen einige die Zeit in den Archiven überstanden haben. Wenn man die Filmausschnitte gesehen hat, fällt es einem schon schwerer, von der eigenen Umgebung als ein Ghetto zu sprechen.

Wir haben dann versucht, uns die Enge vorzustellen, die im Film zu sehen war. Mehr als 1,5 Mal die gesamte Einwohnerschaft von Halle auf 3,1 Quadratkilometern? Wie groß ist ein Quadratkilometer, wenn ich ihn erlaufen müsste?

Wir haben dann einfach den Stadtplan von Halle genommen und ein Quadrat im gleichen Maßstab ausgeschnitten und darüber gelegt. Die Bilder sprechen für sich.

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